Das Tee-Lied

„Mich kümmert nicht Unsterblichkeit – nur der Geschmack von Tee.“
– Lu Tong

Die erste Schale benetzt Lippen und Kehle.
Die zweite Schale vertreibt die Einsamkeit.
Die dritte Schale sickert mir tief ins Gemüt, das verdorrt
von den Worten tausender Bücher war.
Die vierte Schale macht mich leicht schwitzen,
befriedet allen Kummer des Lebens
und treibt ihn zu den Poren hinaus.
Die fünfte Schale läutert Fleisch und Knochen.
Die sechste Schale macht meinen Geist
den Unsterblichen zum Genossen.
Die siebte zu trinken vermag ich nicht –
ich spüre nur den klaren Windhauch,
der sich in meinen Flügeln fängt.

Der chinesische Dichter Lu Tong (790-835), der während der Tang-Dynastie lebte, war zeitlebens für sein romantisch-verträumtes und freiheitsliebendes Gemüt bekannt, das stark vom taoistischen Glauben geprägt war. Trotz seiner adeligen Herkunft entschied er sich früh gegen eine Karriere am kaiserlichen Hof und widmete sich als Eremit auf dem Song Shan, einem der fünf heiligen Berge des Taoismus, der Dichtung. Tee zählte zu einer seiner größten Leidenschaften – und war zugleich seine Muse.

Trotz friedvollen Lebens fand Lu Tong während der Eunuchen-Revolte am Hofe des Kaisers Wenzong einen gewaltvollen Tod. Sein Vermächtnis lebt jedoch bis heute in seinem „Tee-Lied“ fort, einem umfangreichen Gedicht, dessen beliebteste Passage in den obigen Zeilen zu lesen ist.

lu-tong

Titelbild: Seven Bowls of Tea
Oben: „Lu Tong bei der Teezubereitung“, von Qian Xuan