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Tee aus China

 

Kleine Huette in der Teeplantage

 

Ein chinesisches Sprichwort besagt, dass ein ganzes Leben nicht ausreicht, um die Namen aller chinesischen Tees zu lernen. Mit mehr als 1000 verschiedenen Sorten und einer fast 5000 Jahre alten Teekultur gilt China, verantwortlich für ein Drittel der globalen Gesamtproduktion an Tee, bis heute als das Vaterland von Tee und Teekultur. Die Führungsrolle der größten Teenation in puncto neuer Verarbeitungsmethoden ist bis heute ungebrochen: China verdanken wir alle sechs heute bekannten Oxidationsstufen.

Das aromatische Getränk ist so tief mit der Kultur und Geschichte Chinas verbunden, dass es seit mehr als 1000 Jahre als eine der sieben unverzichtbaren Bestandteile chinesischen Lebens gilt. Im modernen China finden sich in jedem Haushalt – vom marmornen Palast bis zum Bretterverschlag – die notwendigen Gerätschaften, um eine heiße Tasse Tee aufzugießen. Denn es ist Sitte, Besucher und Gäste mit einer Tasse des besten Tees des Hauses willkommen zu heißen.

Chinesisches Haus in der Plantage

Wie alles, das so stark mit jedem Aspekt des alltäglichen Lebens verknüpft ist, liegen auch die Ursprünge des Tees in China im nebligen Reich der Mythen. Nach landläufiger Legende wurde Tee von dem chinesischen Kaiser Shennong im Jahr 2737 v. Chr. entdeckt, als ein Blatt in seine Trinkschale fiel. Der Kaiser, angetan von der erfrischenden und belebenden Wirkung des unbekannten Tranks, nahm das Wunderblatt in den Kanon chinesischer Heilpflanzen auf.

Obwohl also unbekannt ist, wie genau die Chinesen den Tee entdeckten, wissen wir heute, dass der Teebaum Camellia sinensis den tropischen Wäldern der Provinz Yunnan entstammt. Von dort verbreitete sich sein Vorkommen entlang des Jangtsekiang, einer der wichtigsten Handelswege, bis in die östlichen Küstenregionen Chinas, in denen heute mehr als zwei Drittel von Chinas Teeernte eingeholt wird. Historisch betrachtet spielten diese Provinzen durch die im 17. Jahrhundert etablierten Seehandelsrouten eine wichtige Rolle bei der Einführung des Tees im Westen.

 

Tribut Tees

Seine erste Blütezeit erlebte der Tee im ersten goldenen Zeitalter der chinesischen Zivilisation: der Tang-Dynastie (618-907). Während dieser Ära wurde Teegenuss neben Malerei, Kalligraphie und Lyrik als Kunstform entwickelt. Starkes Wirtschaftswachstum, ein reiches kulturelles Leben und ausgeprägte interkulturelle Handelsbeziehungen schufen die idealen Bedingungen, damit Tee sich im ganzen chinesischen Reich und den Grenzregionen in Zentral- und Ostasien ausbreiten konnte.

Während der Tang-Zeit wurde auch der Brauch der Tribut-Tees eingeführt, der vorsah, die feinsten Tees als Tribut an den kaiserlichen Hof zu senden. Für die Bauern zahlte sich die dem Kaiser gebührende Lobpreisung durch die Werbung für das eigene Produkt aus: Die delikatesten Tees wurden ins höfische Repertoire aufgenommen und brachten ihrem Hersteller große Anerkennung ein. Damit kurbelte der kaiserliche Prüfstein schnell einen fruchtbaren Wettbewerb unter Chinas begabtesten Teebauern an und führte dazu, dass sich bewährte Produktionsmethoden ausbreiteten und standardisiert wurden.

Trotz seines noblen Status am Hofe wurde Tee zu dieser Zeit auch unter Normalsterblichen zum üblichen Getränk. Um den unstillbaren Durst chinesischer Künstler, Dichter und Philosophen zu löschen, eröffneten die ersten Teehäuser – und entwickelten sich bald zu den Orten, an denen Ideen ausgetauscht und Geschäfte gemacht wurden.

Der Erfolg des Tees in China steht in engem Zusammenhang mit dem Aufblühen der schönen Künste und taoistischer und buddhistischer Lehren. Die Person jedoch, die die zunehmende Popularität des Tees am besten verkörpert, ist der Dichter und Schriftsteller Lu Yu, der noch heute als Schutzheiliger der Teekultur und des Teehandels in China verehrt wird. Im Cha Jing, dem ersten überlieferten Buch, das sich ganz dem Tee widmet, lobt Lu Yu nicht nur den aromatischen Reichtum des Tees, sondern auch seine positiven Effekte auf Körper und Geist. Diesem Werk verdanken wir unser Wissen darüber, wie Tee vor mehr als 1000 Jahren kultiviert, verarbeitet und genossen wurde.

Um den Transport von der Anbauregion im Süden in die westlichen und östlichen Nachbarländer Korea und die Mongolei zu vereinfachen, wo Tee ebenfalls an Beliebtheit gewann, wurde Tee damals zu Barren gepresst, sogenannten Tea Bricks. Als Handelsgut wurden diese so wichtig, dass China schnell ein Ministerium für Pferde und Tee etablierte, das über ihren Tausch gegen mongolische Pferde wachte.

Puerh Tee Ziegel

Obwohl sich die Barren gut für den Transport eigneten, bedurften sie einiger Vorbereitung, um in heißem Wasser aufgebrüht werden zu können. Über heißem Dampf oder Feuer aufgeweicht, konnten sie aufgebrochen und zerkleinert werden. Das entstandene Pulver wurde vor dem Kochen mit Wasser und Salz, und zum Teil auch Ingwer, Zwiebel, Orangenschalen und Reis gemischt und ergab eher einen Eintopf als ein Getränk.

 

JADENER SCHAUM

Lu Yus Geschmack traf die damalige Praxis nicht: „Dieses Gebräu schmeckte nicht besser als Gossenwasser“, schrieb der Mann, der die Idee bekannt machte, Tee als eigenständiges Getränk zuzubereiten. Es dauerte jedoch noch bis zur Song-Dynastie (960-1279), bis eine entscheidende Veränderung im Anbau, der Verarbeitung und dem Konsum des Tees eintrat. Erst jetzt begann die Zeit des aufgeschäumten Tees, für den die getrockneten Blätter in einer Steinmühle gemahlen wurden, um das feine Pulver zu erhalten, das sich mit Hilfe eines Schneebesens aus Bambus zu „jadenem Schaum“ schlagen lässt. In Japan, wo Tee zu dieser Zeit Verbreitung fand, ist diese Zubereitungsart noch immer Teil der Matcha-Teezeremonie Chanoyu.

Eine wichtiger Schirmherr der Teekultur, Künste und taoistischen Lehren war zur Song-Zeit der Kaiser Huizong. Während seiner Amtszeit erlebte China ein weiteres goldenes Zeitalter, in dem, neben vielen anderen Errungenschaften, neue Teesorten entstanden. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür – und Lieblingstee des Kaisers – ist unser Happy Huizong, eine Teespezialität, die bereits in Huizongs einflussreicher Schrift über Tee Erwähnung findet. In Daguan Chalun widmet der Kaiser sich aber auch der idealen Art, Tee zuzubereiten. Von der richtigen Methode war er so besessen, dass er seinen Unmut über schändliche Praktiken unverhohlen zum Besten gab:

„In der Welt gibt es drei höchst bedauernswerte Dinge:

Das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung,

die Entwürdigung guter Gemälde durch unverständiges Begaffen

und die Verschwendung guten Tees durch unsachgemäße Behandlung.“

Die Prominenz von Tee als wichtigem Handelsgut nahm während der Song-Zeit weiter zu, als mehr und mehr Länder Geschmack an dem belebenden Getränk fanden. Von China bis zu den Maghreb-Staaten wurde Tee nun entlang der ganzen Seidenstraße konsumiert. Mit der geographischen Ausdehnung einher ging die Entwicklung neuer Verarbeitungs- und Zubereitungsmethoden, die die sich verändernden Geschmäcker reflektierten und bis heute die japanische von der chinesischen Teekultur unterscheidet. Während sich in Japan die Vorliebe für grasige, gedampfte Tees erhalten hat, datiert die chinesische Leidenschaft für nussige Röstaromen auf diese Zeit. Beispiele dieser aromatischen Innovation sind unser Imperial Dragon und unser Happy Huizong, beide Ehrenmitglieder der geschätzten Gruppe von Chinas „berühmten Tees“.

Die mongolische Invasion Chinas im 13. Jahrhundert brachte die kulturellen und ökonomischen Entwicklungen der Song-Zeit zu einem temporären Stillstand – zum ersten Mal in seiner Geschichte geriet das ganze Reich unter fremde Herrschaft. Erst ein Jahrhundert später während der Ming-Dynastie (1368-1644), Chinas drittem goldenem Zeitalter, gewann Teekultur wieder an Bedeutung. Die Zubereitung in der heute üblichen Form, als überbrühte lose Blätter, führte damals zu einer differenzierteren Teelandschaft, die viele heute noch bekannte und geschätzte Sorten hervorbrachte.

Teefeld in China

Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts war Tee nicht nur am kaiserlichen Hofe und Künstlerkreisen, sondern in allen Gesellschaftsschichten zum Lieblingsgetränk avanciert. Damit einher ging die Entstehung einer spezialisierten Porzellanindustrie, die viele der klassischen Teekeramiken entwickelte, die den Grundstein heutiger Teekultur bilden: Wasserkessel, Teekannen, Gaiwane und henkellose Tassen.

Mit der Qing-Dynastie (1644-1914) und dem zunehmenden Teedurst Europas begann eine weitere bedeutende Episode der chinesischen Geschichte, in der die Handelsbeziehungen mit dem Westen ausgebaut wurden. Der Großteil des nach Europa exportierten Tees kam aus den Teegärten der südlichen Küstenprovinzen Zhejiang und Fujian, deren Hafenstädte wichtige Zentren für den Handel und die Verarbeitung von Tee wurden. Viele der heute geschätzten Sorten wurden von gewieften Händlern der Qing-Zeit erfunden, die Teesorten bevorzugten, die sich leicht transportieren ließen und auf der langen Reise nach Europa nicht verderben würden. Sowohl halboxidierte Oolongs als auch gänzlich oxidierte Schwarztees sind das Ergebnis ihrer Bemühungen. Unser nach seinem Geburtsjahr benannte 1876, der sich schnell zum liebsten Breakfast Tea der Briten mauserte, ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Entwicklungen der Qing-Dynastie. Ein weiterer aromatischer Höhepunkt der Neuerungen dieser Zeit ist unser Yunnan Gold, ein chinesischer Schwarztee, dessen goldene Knospen dem Aufguss ein honigartiges Aroma verleihen.

Zugleich markiert die Qing-Zeit das Aufbrechen des chinesischen Teemonopols. Angetrieben durch die große Nachfrage in Europa, entdeckte das British Empire schnell die Geheimnisse des Teeanbaus und legte im ganzen indischen Subkontinent und östlichen Afrika Teegärten an: die Ausbreitung des Anbaus in neue Regionen weltweit ging einher mit Chinas abnehmender Macht und Einfluss.

Mit den politischen Revolutionen und gesellschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhundert begann eine der dunkelsten Perioden für die chinesische Teekultur. Der Niedergang des Kaiserreichs, die japanische Invasion und der Bürgerkrieg, gefolgt von der kommunistischen Revolution von 1949, brachten grundlegende Änderungen mit sich, die das Angesicht der chinesischen Gesellschaft und ihrer Sitten entscheidend prägte. Mit solchen Parolen wie „wir müssen die Vergangenheit vergessen und uns in Richtung der Zukunft bewegen“ war insbesondere die Kulturrevolution (1966-1976) der Teekultur abträglich. Fast alle Teehäuser wurden schlossen, Teebauern wurden andere Aufgaben zugewiesen und umgesiedelt. Mit der industriellen Produktionsweise wurden außerdem die Teebeutel in China eingeführt.

Mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung der 80er Jahre zeigt sich jedoch wieder Licht am Horizont: eine Premiumtee-Szene, die sich auf die 5000-jährige Tradition des Landes beruft, bringt wahrhaft Erstaunliches hervor. Teehäuser wurden in neuem Geiste eröffnet, während sich eigens gegründete Tee-Hochschulen der Weiterbildung von Teebauern und der Entwicklung neuer Sorten widmen. Ähnlich wie im Nachbarland Taiwan wurde 1993 ein Institut für die Erforschung chinesischer Teekultur sowie zahlreiche kleinere Regionalmuseen und Kulturverbände gegründet mit dem Ziel die Bedeutung des Teeanbaus und der Teekultur in China zu verdeutlichen. image credits: Ignat Gorazd / John Emerson