Die erste Ernte des Jahres

In weiten Teilen der nördlichen Halbkugel macht sich der Frühling nun breit und findet seinen jugendfrischen Botschafter in den zarten Trieben unserer geliebten Teepflanze, Camellia Sinensis, deren erste Ernte als Symbol allgegenwärtiger Wiedergeburt und Munterkeit zelebriert wird. Ein Gefühl frühlingshaften Frohmuts, der seinen geschmacklichen Ausdruck im zarten, blumig-fruchtigen Aroma unserer feinen First-Flush-Tees findet.

Als wohl geläufigster Begriff für Tees aus erster Ernte bildet die Bezeichnung First Flush im Westen einen Teil des kolonialen Erbes Britisch-Indiens, deren Gebrauch sich meist auf Schwarztees aus Assam und Darjeeling beschränkt. Dabei sind die Begrifflichkeiten für solche frühen Tees ebenso vielseitig wie deren Herkunftsländer selbst. Von Shincha in Japan, über Woojeon in Korea oder Pre-Qingming in China, strahlen die zarten, feinflüchtigen Aromen der ersten Triebe nach den langen Wintermonaten, in denen die Teeproduktion völlig zum Erliegen kommt, eine besondere Wirkmacht aus.

Ein weitverbreitetes Vorurteil, das dem Begriff des First Flush hartnäckig anhaftet, ist, dass es sich hierbei um ein Prädikat besonderer Qualität handelt. Zwar erfordern die Triebe des First Flush aufgrund ihrer Zartheit eine besonders aufmerksame Ernte per Hand, jedoch bedingt dies nicht notwendigerweise eine bessere Qualität gegenüber der Tees aus zweiter oder dritter Ernte, die für gewöhnlich Ende Mai bis Mitte Juni stattfindet. Das eigentlich sinnstiftende Merkmal eines First Flushs zeigt sich in seinem charakteristisch spritzig-blumigen Geschmacksprofil, das sich bei längerer Sonneneinwirkung verflüchtigt und robusteren, regionsspezifischen Aromen weicht. Wenn also vollmundig malzige Assams gewünscht werden, oder vegetale und umamireiche Senchas, ist man bei den fein-frischen First-Flushs sicherlich falsch aufgehoben.

kenya

Nichtsdestotrotz hat sich um die ersten Tees der Saison ein regelrechter Kult entwickelt – sei es aufgrund ihres ephemeren Geschmacks oder aus euphorischer Vorfreude –, der dem Bewusstsein besonderer Jahrgänge beim Wein in nichts nachsteht. Als wohl prägnantester Ausdruck dieses Saisonalitätsfetischs lässt sich der Flugtee nennen, bei dem die begehrten Spitzentees per Luftpost verschickt bereits innerhalb von vier Wochen nach ihrer Ernte in den Regalen stehen, um ihre fein florale Spritzigkeit zu gewährleisten. Die minutiöse Dokumentation des Erntezeitpunkts bezeugt dabei die Inbrunst überzeugter Frühteeanhänger. Tees, die am ersten Tag geerntet werden, erhalten demnach das Siegel DJ1, Tees des zweiten Tages DJ2, und so weiter. Wie bei den Flushs handelt es sich hierbei jedoch nicht notwendigerweise um ein besonderes Qualitätsmerkmal, sondern vielmehr um eine Kennzeichnung eines bestimmten Geschmacksprofils, das üblicherweise umso zarter ist je früher die Knospen gepflückt werden.