Von Büchern & Tee, Teil 1

Einige der größten Schriftsteller der Welt schufen ihre Meisterwerke mit Hilfe von Tee. Lesen Sie mehr in unserer dreiteiligen Serie.

Bild von Denby Jorgensen

„Die wahren Alchemisten verwandeln nicht Blei zu Gold; sie fassen die Welt in Worte“, schrieb einst der Romanautor H. Gass.

Es gibt wenige Tätigkeiten, die so verehrt und gefürchtet zugleich sind wie das Schreiben. So erklärt sich auch unsere Faszination mit den großen Schriftstellern. In Anbetracht der stimulierenden und inspirierenden Wirkung von Tee verwundert es kaum, dass einige der größten Autoren der Geschichte begeisterte Teetrinker waren, die das Heißgetränk zum wichtigen Teil ihrer kreativen Rituale machten.

Im ersten Teil unserer dreiteiligen Serie über Bücher & Tee lernen Sie einige dieser Größen kennen. Den zweiten Teil gibt es nächste Woche.

Fjodor Dostojewski

Eine der Größen der russischen Literatur, berühmt für Meisterwerke wie Krieg und Frieden und Die Brüder Karamasow, konnte sich nicht einen einzigen Tag ohne seinen heißgeliebten Aufguss vorstellen, wie er recht deutlich formulierte: „Soll doch die Welt zur Hölle fahren, solang ich nur immer meinen Tee habe!“

In ihren Memoiren beschreibt Dostojewskis Tochter Ljubow einen Mann, der sich auf penibelste Art einer täglichen Routine widmete, die selbstverständlich auch Teetrinken beinhaltete. Ljubow zufolge schrieb ihr Vater bis vier oder fünf Uhr am Morgen, um dann auf einem Sofa in seinem Arbeitszimmer bis ungefähr elf zu schlafen. Nachdem er aufgestanden war absolvierte er ein einige gymnastische Übungen und wusch sich „mit großen Mengen Wasser, Seife und Eau de Cologne. Er hatte einen perfektionistischen Drang zur Sauberkeit, obwohl das keine charakteristische russische Tugend ist. … Es war seine Angewohnheit, während des Waschens zu singen. Seine Garderobe befand sich neben unserem Kinderzimmer, sodass ich ihn allmorgendlich mit tiefer Stimme das gleiche Lied singen hörte.“

Später zog er ein feines weißes Hemd mit gestärktem Kragen über, das er beim besten Schneider der Stadt hatte anfertigen lassen und daher akribisch sauber hielt, dann kam das Beten und – endlich – der Tee im Speisezimmer.

„Er mochte es, seinen Tee selbst auszuschenken und trank ihn immer sehr stark. Er trank zwei Gläser und trug das dritte in sein Arbeitszimmer, wo er in kleinen Schlucken trank, während er schrieb. Er rauchte viel während er arbeitete und trank sehr starken Tee. Ich glaube nicht, dass er ohne diese Stimulans so viele Stunden hätte wachbleiben können.“

 

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Quelle / Bild links / Bild rechts

Saul Bellow

Als Sohn russischer Einwanderer wuchs Bellow, ausgezeichnet sowohl mit dem Pulitzer Prize als auch mit dem Nobelpreis für Literatur, in einem Haushalt auf, in dem starker Schwarztee zum Alltag gehörte. Bellows schriftstellerisches Talent und Vermächtnis sind mehr als beeindruckend, doch beschreibt seine fünfte – und letzte – Frau Janis den bescheidenen, intimen und häuslichen Ton seiner täglichen Routine:

„Ich erinnere mich eines Morgens das Klacken der Schreibmaschine zu hören und dabei eine stille Begeisterung zu empfinden, getragen von dem Gedanken, dass seine beim Frühstück gestellte Prognose – ‚Ich glaube ich habe da etwas‘ – sich bewahrheitet hatte. Er arbeitete im Haus, und als ich ihm seinen Tee brachte blieb ich stehen und lauschte für eine Weile der Stakkato-Salve. […]

Er schaute vor sich auf die Tasse Tee, in der eine runde Zitronenscheibe schwamm. Genau das richtige Getränk für einen europäischen Juden an einem bewölkten Tag, wie Saul zum ersten Mal bemerkte, als er die verlassenen jüdischen Viertel polnischer Städte besuchte. Die Zitrone steht für die Sonne; der Zucker und das Koffein geben einem den Ruck, den man braucht, wenn die Triebkraft des morgendlichen Kaffees zu schwinden beginnt.“

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