Gimme some sugar, baby

Der amerikanische Süden oder die zuckersüße Geschichte des Eistees.

Wer schon einmal den Süden der Vereinigten Staaten besucht hat, ist um den Genuss eines eisgekühlten Glases süßen Tees bestimmt nicht herum gekommen. Denn dieser extra starke, extra süße und extra kalte Schwarztee ist ein Grundpfeiler kulinarischer Kultur und gesellschaftlicher Traditionen des Südens.

„Süßer Tee ist kein Getränk. Er ist Kultur in einem Glas“, behauptete die aus Florida stammende Journalistin Allison Glock einst folgerichtig. Und am 1. April 2003 legte der Abgeordnete John Noel in Georgia einen Gesetzesentwurf vor, der jedes Restaurant unter Strafe stellte, das es versäumte, süßen Tee anzubieten. Zwar entpuppte sich das als Aprilscherz. Das unumgängliche Fünkchen Wahrheit aber verbürgt, wie genau es die Südstaatler mit ihrem Lieblingstrunk nehmen.

Wie es so ist mit Traditionen, entspringt auch die Geschichte des süßen Tees und seines Siegeszugs über Herzen und Gaumen der Südstaatler historischer Vorzeit. Europäische Kolonisten brachten Tee im 17. Jahrhundert mit nach Amerika, wo allerdings noch einige Zeit ins Land gehen sollte, bis das ursprüngliche Heißgetränk gekühlt genossen wurde. Das älteste uns bekannte Rezept für süßen Tee hält Marion Cabell Tyree in ihrem Handbuch „Haushaltsführung in Old Virginia“ von 1879 fest, in dem sie 2 Teelöffel Grüntee – nicht Schwarztee – auf einen Liter Wasser empfiehlt. Nach einem ganzen Tag Ziehzeit wird jedes Glas mit zwei Löffeln Zucker, einem Spritzer Zitrone und viel Eis serviert.

drinking sweet tea

Zucker und Eis jedoch, ebenso gewichtige Protagonisten wie die oxidierten Blätter, zählten damals zu den Luxusgütern, und so erreichte süßer Tee die Massen erst, nachdem sie problemlos erhältlich waren. Der Sommer des Jahres 1904 war, wie die Legende sagt, ein besonders schwitziger – und in St. Louis, Missouri, zerschmolzen die Besucher der Weltausstellung in der Rekordhitze. Ein Engländer namens Richard Blechynden, Vorsteher des Ost Indien Pavillons, hatte schließlich eine kleine Erleuchtung: Er kühlte seine Kostproben herunter, indem er sie durch kalte Rohre laufen ließ, und genoss einen durchschlagenden Erfolg. Spitze Zungen behaupten, dass die bald einsetzende Prohibition ein Übriges tat, um den Eisteedurst der Bevölkerung anzuheizen, der die Erfrischung durch ein kaltes Bier nun in unerreichbare Ferne gerückt war.

Mit dem Angriff Japans auf Pearl Harbor und Amerikas anschließendem Eintritt in den zweiten Weltkrieg versiegten auch die Teeimporte aus Asien. Die Teeversorgung der Vereinigten Staaten wurde nun fast vollständig über das britisch besetzte Indien sichergestellt, das allerdings nur Schwarztee produzierte. Mit Ende des Krieges war 99% des Tees, der in den USA getrunken wurde, schwarz – und das Rezept für süßen Tee hatte sich für immer gewandelt.

Wer den „Hauswein des Südens“, wie der von Dolly Parton gespielte Charakter in „Magnolien aus Stahl“ das Getränk nennt, selbst probieren möchte, der greift nach Südstaaten-Manier zu einem Schwarztee wie unserem sri-lankischen Kipling’s Cup. Gießen Sie ihn stark auf und süßen Sie großzügig, während der Tee noch heiß ist. Südstaatler sind nicht gerade bescheiden, was den Zuckereinsatz betrifft, und wir empfehlen, sich hier ein gutes Beispiel zu nehmen! Lassen Sie den Tee vollständig abkühlen, und legen Sie Johnny Cash auf, während Sie warten. Zum Servieren füllen Sie ein Glas – oder, der alten Zeiten willen, ein Einweckglas – mit Eis und gießen mit dem süßen Tee auf. Wer will, kann noch etwas mit Wasser verdünnen, unerlässlich jedoch ist eine Scheibe Zitrone, die mit den Fingern ausgedrückt wird. Schließen Sie Ihre Augen und nehmen Sie einen langen, tiefen Schluck. Am besten auf einer sonnengefluteten Veranda.

Oak Alley

Bilder:
Cassia Noelle / Rachel Carrier / Gwen Harlow.