DIE WICHTIGKEIT DER ENTFALTUNG

Im populären westlichen Bewusstsein wird der "Entfaltungsraum" oft beschworen, um dem nebulösen Konzept dessen Gestalt zu geben, was uns umgibt, wenn wir allein sind. Dieser “Raum” hat keinen Maßstab. Er bezieht sich sowohl auf das Mysterium da draussen, über das ganze Galaxien verstreut sind, als auch auf den merkwürdig angespannten Platz zwischen uns und der Person, die uns im Zug gegenueber sitzt. Die Japaner haben vielfältige Vorstellungen von “Raum” - eine davon ist “ma”, die den ephemeren Raum des Dazwischen charakterisiert. Obwohl er in der Übersetzung oft auf "negativen Raum" reduziert wird, wird “ma” treffender als eine Lücke oder Pause beschrieben, die das Nebeneinander unterschiedlicher Entitäten ermöglicht - visuell, räumlich und zeitlich. Es ist ein grundlegender Bestandteil der japanischen Kultur, der hierarchische Äquivalenzen sowohl zwischen der Form eines Objekts als auch dem leeren Raum, der es umgibt, schafft. Durch die Gegenüberstellung der beiden disparaten Elemente entsteht eine völlig neue Komposition, die einem neu erdachten Ganzen eine neue Bedeutung verleiht. Auch der Raum zwischen den Blättern und dem Gefäß, in dem sie tanzen, spielt eine zentrale Rolle bei der Schaffung des Wunderwerks Tee.

Die äußerliche Schlichtheit einer Tasse Tee verbirgt unter ihrer ruhigen Oberfläche eine labyrinthische Komplexität im Geschmack. Kunst und Wissenschaft sind bei der Herstellung von Tee gleichberechtigt, und ihr gemeinsamer Einfluss trägt zu seiner Qualität bei. Als Teil der Produktion müssen Teeblätter Veränderungen in ihrem physischen Zustand erfahren. Zu diesen Prozessen gehört das Rollen, ein Teil der Formgebung, bei dem die Teeblätter fest gerollt werden, um ihre Zellwände zu durchbrechen und ihre natürlichen Säfte freizusetzen. Hier zieht sich der Tee zusammen, nicht unähnlich einer Raupe, die sich in Erwartung der kommenden Metamorphose in ihren Kokon zurückzieht. Im Gegensatz zur Raupe ist der Katalysator für die Metamorphose des Tees jedoch heißes Wasser. Bereits Sekunden nach der Zugabe in die Teeblätter beginnt die Verwandlung. Die durstigen Teeblätter öffnen sich eifrig und trinken das heiße Wasser, während es ihren Blattranken den Geschmack entlockt. Für das ungeschulte Auge ist das, was folgt, kaum mehr als ein Tanz von Blättern und Wasser. Aber auf zellulärer Ebene ist diese Choreographie weitaus komplexer.  Alle löslichen Bestandteile des Tees erwachen zu neuem Leben, wenn sie auf die warme Umarmung durch das Wasser treffen. Und genau wie bei jedem anderen Tanz brauchen die Blätter Platz, oder “ma”, um sich bestens zu entfalten.


Die Oberfläche der Teeblätter dehnt sich aus, wenn Flüssigkeit ihre Zellwände durchdringt, was bedeutet, dass die Teeblätter viel Platz im Gefäß einnehmen. In diesem Fall ist der negative Raum alles andere als negativ. Den Teeblättern den Raum zu geben, damit sie sich ausdehnen und das Wasser mit ihrem Aroma durchtränken können, ist wesentlich für die Entwicklung der Aromen und Geschmacksstoffe in einer Tasse Tee. Daher hängt der Erfolg der Extraktion stark von dem Gefäß ab, in dem der Tee gebrüht wird. Bestimmte Teekannen verengen den Tee und verwehren ihm die Möglichkeit, mit seiner durchdringenden Wirkung unsere Gaumen zu verwöhnen. Side-by-Side-Experimente werden dies bestätigen: Vergleicht man beispielsweise Tees, die in einem Tee-Ei gebrüht werden, mit einer Teekanne wie unserem Cylinder Pot, so werden die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen. Das Teeei ist viel zu klein und bietet dem Tee viel zu wenig Platz, um sich zu öffnen. Das Ergebnis ist eine glanzlose Tasse in Geschmack, Farbe und Aroma. Umgekehrt führt das Aufbrühen von Tee in einem grösseren Gefäss mit mehr Platz dazu, dass der Tee viel Platz zwischen den Teeblättern und dem sie umgebenden heissen Wasser hat. Das daraus resultierende Gebräu weist eine charakteristische Tiefe in Geschmack, Aussehen und Geruch auf, die ein optimales Teetrinkerlebnis gewährleistet. 


Die Chinesen haben diesem raumgebenden Ritual einen ganzen Braustil gewidme: Diese als "Gong fu" oder "hochqualifiziertes" Brauen bekannte Methode der Teezubereitung legt ein besonderes Augenmerk auf die Größe des Brühgefäßes. Eine größere Größe stellt sicher, dass die Blätter nicht in einem Filter oder Infusor gefangen sind, sondern sich frei ausdehnen und den gesamten Raum innerhalb der Teekanne nutzen können. Es gibt viele Teekannen, die diese Kriterien für Gong fu cha erfüllen, aber eine unserer Favoriten ist der Gaiwan. Ein Gaiwan ist eine Teekanne mit Deckel und breitem Korpus, der es den Teeblättern erlaubt, sich zu öffnen und sich ganz zu entfalten, während wir gleichzeitig die Farbe des Aufgusses sehen können. Diese Eigenschaft gibt uns den Vorteil, dass wir die Aufgusszeiten nach unserem persönlichen Geschmack und unseren Vorlieben gestalten können. Darüber hinaus enthält ein Gaiwan-Aufguss in der Regel ein größeres Blatt/Wasser-Verhältnis, so dass es doppelt wichtig ist, die Kontrolle über die Geschwindigkeit des Aufgusses zu behalten. Für viele ist der Gaiwan ein tägliches Muss für Teerituale. Als Teekanne und Teetasse in einem ist unser Trinity Gaiwan ein praktisches und schönes Accessoire, das ein Zeichen für die Koexistenz von Himmel, Mensch und Erde setzt, wie sie durch Deckel, Körper und Untertasse dargestellt wird.


Der Raum ist nur eine von 5 Komponenten, die für die Zubereitung der perfekten Tasse Tee unerlässlich sind. Lesen Sie bald mehr über die anderen. 

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