P & T Teapology: Tee-Reise durch die verschiedenen Extraktionen [Teewissen]

Das erste Glas ist sanft wie das Leben, das zweite stark wie die Liebe, das dritte bitter wie der Tod. Tee verändert sich mit jedem Aufguss - sehr schön veranschaulicht an diesem Marokkanischen Sprichwort. Er durchläuft einen Lebenszyklus, den Sie in jeder Ihrer Tasse guten Tees verfolgen können.

Viele Menschen wissen gar nicht, dass man dieselben Teeblätter mehrmals aufgießen kann und sogar sollte. Stattdessen verschwenden sie Teeblätter, die noch voller Leben und Aromen sind, und werfen diese nach der ersten Extraktion weg. Die vielen Stadien, die ein Tee beim mehrfachen Aufgießen durchläuft, sollten Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen, da bei jedem Aufguss andere Geschmacksnoten freigesetzt werden. Je komplexer ein Tee ist, desto mehr Inhaltsstoffe hat er, und desto vielfältiger werden diese verschiedenen Aufgüsse.

Wie Sie wissen, geben wir auf unseren Packungen immer mindestens zwei, wenn nicht sogar mehr Aufguss-Empfehlungen an. Und wir verraten Ihnen ein kleines Geheimnis: Sie können unseren Tee mit großer Wahrscheinlichkeit sogar öfter aufgießen. Wir schreiben unsere Empfehlungen nur bis zur allerbesten Tasse, der sogenannten Blüte, aber nach diesem Höhepunkt erwarten Sie noch viele weitere tolle Tassen.

Sie können sich die getrockneten Teeblätter wie eine Blüte vorstellen. Mit genügend Wasser und Pflege, öffnen sich die Blütenblätter langsam, die Blume blüht auf, zeigt ihre volle Farbenpracht, und danach verwelkt sie nur langsam. Genau so blüht auch ein Tee auf: Mit jedem Aufguss öffnen sich die Teeblätter etwas mehr, bis sie ihr volles Potential erreichen und dann langsam vergehen und ihre Geschmacksintensität verlieren.

Wir sprechen hier von verschieden Stadien oder Stufen. Der erste Aufguss ist die Öffnung oder das Erwecken des Tees, wo der Tee zum ersten Mal mit Wasser in Kontakt tritt. Die Teeblätter saugen hier allmählich Wasser auf, und eine delikate, leichte Tasse Tee entsteht. Oft präsentieren sich auf dieser Stufe blumige Geschmacksnoten, die Textur ist oft etwas dünner und die Farbe etwas schwächer. Vielleicht schmecken Sie sogar etwas Süße. Es ist demnach falsch zu erwarten, dass der erste Aufguss der Beste sei. So wie wir auch Zeit am Morgen brauchen, bis wir wach und bereit sind für den Tag, so braucht auch unser Tee Zeit. Bei der chinesischen Gong-Fu-Teezubereitung werden die Teeblätter vor dem ersten Aufguss sogar erst einmal gewaschen. Dieser erste Kontakt mit Wasser rüttelt die Blätter wach, genauso wie eine erquickende Morgendusche, um ihnen das spätere Öffnen zu erleichtern.

Nach dem Erwecken kommt die Blüte. Die Teeblätter sind nun vollständig offen und werden komplett von Wasser umschlossen. Nun extrahieren wir kräftigere, vollere Aromen - fruchtige Geschmacksnoten stehen nun klar im Mittelpunkt. Eine intensive Farbe und vollmundiger Duft erfüllt Ihre Tasse. Innerhalb des Blütenstadiums erreicht Ihr Tee seinen Geschmackshöhepunkt. Darum ist der zweite Aufguss typischerweise der Beste. An diesem Scheidepunkt zwischen Erwecken und Blüte kann man oft noch beide Stufen erschmecken: die leichteren pflanzlichen Geschmacksnoten des ersten Aufgusses verschmelzen mit den kräftigen, sommerlichen Frucht-Noten der Blüte.

Nach der Blüte kommt die Reifephase. In dunklen Tees wie Pu Erhs sind jetzt die würzigen Noten stärker ausgeprägt. Bei Grünen Tees erreicht man an dieser Stelle oft einen vegetalen Geschmack und entfernt sich von früheren grasigen Aromen. In der Reifephase trinken Sie eine wärmende, beruhigende Tasse, in der die blumigen Aromen verblassen um einem Bouquet aus Gewürzen und dunklem Honig Platz zu geben. Was einer reifen Tasse an Komplexität fehlt, macht sie mit ihrem Nachtisch-Charakter voller Textur und tiefer Farbe wett.

Die Faustregel gilt, dass ein qualitativ hochwertiger grüner oder schwarzer Tee mindestens drei wirklich gute Aufgüsse enthält. Oolongs und Pu Erhs, die einen komplexeren Produktionsprozess haben, gehen oft hoch bis zu acht oder sogar fünfzehn Aufgüssen. Dunkle Tees im Allgemeinen haben in ihrem Fermentierungs- und Reifungsprozess mehr Aromastoffe entwickelt, die nur langsam freigesetzt werden können. 

Nehmen wir unseren WILD & RAW N°602 als Beispiel, ein junger fermentierter Sheng Pu-Erh mit einem lebendigen Charakter. Entgegen unserer empfohlenen vier Aufgüsse, extrahieren Sie die Blätter doch zehnmal. Wir laden Sie zum Experimentieren ein, um die verschiedenen Stadien wirklich auszukosten. Können Sie die Übergänge zwischen den verschiedenen Blütestadien erschmecken? WILD & RAW N°602 beginnt mit frischen Blumen und Birken-Noten und wirkt leicht adstringierend. Je öfter Sie diesen traditionellen, rohen Pu-Erh aufgießen, desto runder und weicher werden die Aromen. Schließlich lassen die fruchtigen Noten nach und treten in eine pilzige, waldige Phase ein. Wie weit können Sie mit WILD & RAW N°602 gehen?

Unser beliebter Oolong aus Taiwan FOUR SEASONS OF SPRING N°402 ist ein weiterer Kandidat für mehrfache Aufgüsse. Wie bei den meisten eng gerollten Teesorten brauchen seine Teeblätter besonders viel Zeit um sich mit Wasser aufzusaugen und wieder zu entfalten. Schauen Sie Ihrem Oolong dabei zu, wie sich seine Blätter langsam entrollen, das Wasser mit jedem Aufguss unberührte Stellen des Blattes erreicht und so immer wieder frische Inhaltsstoffe entzieht. FOUR SEASONS OF SPRING N°402 beginnt mit frischen blumigen Frühlingsklängen, erreicht kräftige Aprikosen- und Pfirsicharomen, bevor er in seiner cremig buttrigen Reifephase endet.

Aber nicht nur Oolongs und Pu Erhs, sondern auch viele Schwarz- und Grüntees haben viel Potenzial, das es mit mehreren Aufgüssen zu entdecken gilt. Unser taiwanesischer Schwarztee vom Pinyin Rìyuètán, dem Sonne-Mond-See, RUBY OF FORMOSA N°920, durchlebt bei wiederholtem Aufgießen einen faszinierenden Geschmacks-Bogen. Der Anfang ist pure Frische, fast als ob Sie in einen Eukalyptuswald treten. Später treffen Sie auf Lakritznoten und tiefdunkle Schokoladenaromen. Auch unsere limitierte Ernte SNAIL'S PACE N°917, ein dicht gerollter Grüntee, beginnt seine Reise sehr zart wie weicher Morgentau und reift zu einem süßeren Geschmackserlebnis aus Agavennektar und fruchtiger Nektarine. 

Es gibt noch eine weitere Phase, aber nur die wenigsten wagen sich soweit. Wir laden Sie ein mit uns die Twilight Zone zu betreten. Seien Sie mutig. Wie viele Aufgüsse können Sie aus den gleichen Blättern gewinnen? Fünf? Sieben? Zehn? Ihr Tee wird nur noch sehr wenige Inhaltsstoffe freisetzen können, sodass Sie eine leichtere, vielleicht schlichtere Tasse Tee erhalten. Wie eine Erinnerung an das, was da war. Aber möchten Sie wirklich fünf intensive und komplizierte Extraktionen trinken? Oder wäre eine weichere, leichtere Tasse am Abend keine schöne Alternative? Genießen Sie weiter den gleichen Tee, aber mit deutlich weniger Koffein. Denn am Ende geht es darum, jede verschiedene Tasse zu schätzen, für das, was sie Ihnen geben kann. Mit Achtsamkeit wählen wir am Morgen einen Tee, der uns dann durch den ganzen Tag begleitet. Und so wie sich Ihr Tag verändert, ändert sich auch der Tee. Jede Tasse hat etwas zu bieten: Es sind die gleichen Teeblätter. Aber es ist nicht der gleiche Tee.

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